3 - Wer zur Quelle gelangen will


Als Triyogalehrerin, die ich immer mit der Welle zu tun habe, bleibe ich auch in diesem Text noch beim Medium Wasser. Da spreche ich in meinem Unterricht immer vom Sich-Tragen-Lassen, und plötzlich wähle ich ein solches Zitat aus. In der Tat klingt es widersprüchlich. Doch schon in dem Moment, als ich Yogalehrerin wurde, schwamm ich gegen den Strom und…kam zu meiner Quelle.

Es gibt ein Sich-Tragen-Lassen, das ist gesund und es gibt eins, das ist ungesund. Ein Fluss fließt manchmal langsam und sanft, mal mit voller Wucht und immer weiter entfernt er sich von seiner Quelle und bleibt doch die ganze Zeit mit ihr verbunden. Wir aber, die wir uns auf diesem Fluss treiben lassen, verlieren die Verbindung zur Quelle, fließen immer nur weiter mit und drohen, uns zu verlieren. Gemeint ist der Strom, in dem unser Leben stattfindet. Es sind die gesellschaftlichen Einflüsse, die Einflüsse der Familie, die selbst den gesellschaftlichen Einflüssen unterliegen. Es sind die Trends und Moden, es ist das Bedürfnis nach Sicherheit, das Bedürfnis nach Geltung und Anerkennung, der Gehorsam, das »Brav-Sein«, das uns mit treibt. Es anders zu machen, als andere es von einem erwarten, plötzlich oder auch Schritt für Schritt auszubrechen, andere Ansichten zu haben und diese auch gegen Widerstand zu vertreten, bestimmte Dinge nicht mehr haben zu müssen, nicht mehr so viel zu brauchen, zu schauen, was ist wirklich wichtig im Leben und dabei nur auf sich selbst zu schaue, da sind wir schon mittendrin im »Gegen den Fluss schwimmen«. Es mag anstrengend sein, oft mühevoll und mit Ängsten verbunden, manchmal gibt es Momente da lassen wir uns wieder treiben und es wirft uns zurück, aber emsig verfolgen wir weiter unser Ziel: wir wollen zur Quelle. Warum aber sollten wir das tun, wo es doch so mühsam ist. Was erwartet uns denn so Tolles an der Quelle, dass es den Aufwand lohnt? Es erwartet uns nichts, außer einem kleinen Rinnsal, das aus der Erde sprudelt oder noch nicht mal sprudelt sondern nur sanft plätschert. Die Quelle ist doch nichts gegen den breiten Fluss, der so beeindruckend an allem vorbeifließt. Es lohnt sich nicht! Außer man wünscht zu sehen, wo der Fluss entspringt, wie er aus der Tiefe der Erde kommt, welche Stille dort noch vorhanden ist und wie rein der Fluss an dieser Stelle noch ist. Das Motto meines Triyogazentrums » Aus unserer Mitte entspringt ein Fluss« sagt alles. Wenn wir zur Quelle schwimmen, kommen wir zu unserem innersten Kern. Dort stoßen wir auf die tiefe innere Wahrheit, unsere feste Verbundenheit mit uns selbst, der Erde und den Urgesetzen der Natur, die zeitlos und unabhängig von gesellschaftlichen Einflüssen existieren. Wie oft stellen wir uns besonders in der Lebensmitte die Frage nach dem tieferen Sinn unseres Lebens. Das ist der Moment, an dem viele das erst Mal die Sehnsucht nach der Wiederentdeckung der Quelle spüren. Und jeder auf seine Weise hat seine ganz eigenen Möglichkeiten, zu ihr zu finden. Nicht jeder muss ausbrechen. Bei manchen verläuft das Schwimmen im Stillen, die Veränderungen geschehen sanft, bei anderen vielleicht plötzlich, unerwartet und vielleicht sogar erschreckend. Aber für alle ist es bloß ein Aufbruch, der in ein tieferes Bewusstsein führt. Wann auch immer für einen selbst der Moment kommt, zur Quelle zu schwimmen; es ist immer der richtige. Alles hat für jeden Menschen immer den richtigen Zeitpunkt. Und genau da beginnt der Gedanke des Sich-Fließen-Lassens. Es gibt keine Eile. Jeder Mensch hat seinen eigenen inneren Fluss und der trägt ihn. In ihm ist er der Fluss selbst und somit ist es egal, wo er auch immer er sich gerade befindet, ist er mit der Quelle verbunden. Sein eigener innerer Fluss ist die Quelle, aus dem der große Fluss des Lebens entspringt, der uns alle mitzureißen droht. Denn dieser Fluss ist nicht laut und aufdringlich, er fließt sanft und leise und wird oft von dem heftigen Lebensfluss übertönt. Werden wir wieder still, hören wir ihn und lauschen ihm. Dann kann das Gegen - den - Strom - Schwimmen möglicherweise auch ganz sanft und in Stille geschehen und niemand braucht es zu fürchten.

geschrieben am 18 Apr 2015
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